Montag, 2. Mai 2011

Ich brauche dringend 300€

Ich brauche dringend 300 Euro, möchte aber keine Drogen verkaufen. Es gibt meistens Probleme mit den Bullen, und die Kids verprügeln einen manchmal. Anschaffen wäre eine Alternative, aber seit diesem Unfall mit meinem Hintern... Sagen wir einfach es ist schwerer geworden.
Ich mein, mit ehrlicher Arbeit habe ich es auch schon versucht, aber das ist nichts für mich. Ich bin da einfach nicht kompatibel mit der Arbeit. Es ist so ein schlechtes Gefühl beim Aufstehen früh morgens durch das mir Gott sicher sagen will, dass es besser wäre nicht zu arbeiten. Meine Freunde sagen das wäre nur Müdigkeit/Unlust und das hat doch jeder. Bullshit. Ich leide an einer seltenen Krankheit aufgrund derer es mir objektiv nicht möglich ist Arbeit zu leisten. Aber das erkennt natürlich niemand an. Das wiederum macht mich traurig und depressiv. Mein Arzt sagt: "Treiben sie doch einfach mehr Sport. Sie brauchen einfach etwas um sich auszutoben." Das ist natürlich Unsinn. Ich spiele doch schon jeden Tag Computer. Traurig bin ich dennoch.
Auf jedenfall ist da so eine Convention im August auf die ich unbedingt möchte. Frust reimt sich auf August. Das ist ein toller Reim und eigentlich sollte hier kein Fließtext stehen, sondern ein Gedicht. Aber das las sich so bescheiden, dass ich es verworfen habe.
Also diese Con jedenfalls, da muss ich hin. Nicht so sehr um meinetwillen, sondern einfach weil alle da hingehen. Sehen und gesehen werden. Ich bin sehr ansehnlich und möchte mich daher zur Schau stellen. Ich kann dann behaupten: "Hey ich war da." Es gibt sogar die obligatorischen "Hey ich war dabei"-T-Shirts. Dann weiß zwar jeder, dass ich da war, doch zwei Wochen später erinnert sich sowieso keiner mehr an einen. Ich glaube, dass liegt gar nicht so sehr am Gedächtnis der Leute. Vermutlich hat es eher was mit Massenentführungen durch Aliens zu tun. Es gibt einfach keinen besseren Ort um unerkannt Leute zu entführen als auf einer Con, wo sowieso jede Menge Freaks, pardon, Leute mit spezifischen Neigungen, herumlaufen.
Deswegen bin ich den Leuten auch nicht böse, wenn sie mich mal wieder schief angucken oder Wiedererkennen einfach nur heucheln. Die Harmlosesten erzählen mir halt die Geschichte ihres Lebens zum dritten Mal.
Man könnte natürlich argumentieren: "Hey du warst doch der, der mir an den Arsch gefasst hat als er dachte durch den Nebel in der Disko würde ich ihn im Leben nicht wiedererkennen." oder "Hey wir hatten doch mal diesen total unanständigen Sex". Aber das wäre oberflächlich und oberflächlich bin ich nicht gerne.
Ich denke es ist klar geworden, dass so eine Con ein Erlebnis ist auf das man gehen sollte. Voller Spiel, Tanz, Unterhaltung und sozialen Kontakten (und Aliens).
Nur den 300 Euro, den bin ich jetzt gar nicht näher gekommen. Aber wenn jemand sie übrig hat, weiß er jetzt worin er sie investieren kann. Ich verspreche: Es wird sich lohnen. Ich mache auch Fotos. Ehrlich.

Montag, 18. April 2011

Atomkraft? Nein Danke!

Letztens schrieb ich mal wieder etwas. Es war eine lustige, kleine Anekdote meines Lebens in satirischer Form. Ich glaube, wenn ich jetzt in Japan Flugblätter mit satirischen Geschichten über AKWs verteilen würde, wären die Reaktionen nicht so gewesen. Aber Deutsche sind so ähnlich wie die Atome in Japans AKWs. Man ist schnell gespalten.
Es wäre natürlich auch schwer eine Anekdote über dieses Thema zu verfassen. Ich war nie bei so einer Katastrophe bewusst dabei gewesen. Obwohl damals, als ich noch ein kleiner Strahlemann war, war Tschernobyl gerade mal 7 Monate her. Es muss ein epischer Moment gewesen sein.
Meine Eltern, die schon die zukünftige postapokalyptische Zeit mit all den mutierten Atomzombies als reales Szenario im Hinterkopf hatten, taten mit meiner Zeugung einen großen Schritt in Richtung Menschheitserhalt. Vierundzwanzig Jahre später erinnert nur noch mein morgendliches Gebaren nach dem Aufstehen an die Zombieapokalypse.
Comicartige Heldenszenarien sind dank der aktuellen Katastrophe wieder voll im Trend. Jede Zeit hat ihre Helden. Der Held Deutschlands ist allerdings weiblich und kommt gebürtig aus Ostdeutschland. Man munkelt sie flog über ganz Deutschland um den AKW-Betreibern mit einem „Bäm“ und „Pew“ die Lichter auszublasen. Infolge dessen werden sie wohl auch in ganz Deutschland erlöschen, denn Energie ist überraschenderweise endlich.
Doch hier kommt unser zweiter Held ins Spiel und ich verrate nicht zu viel wenn ich sage, dass es nicht der Energieerhaltungssatz ist. Nein, der fetzigste Held der Neuzeit ist grün und während der geneigte Comicleser die Farbe Grün mit „ekligem Schleim“ oder „verstrahlt“ assoziiert, spielt das im Roulette der Helden gar keine Rolle. Grün ist unsere Rettung. Wir werden schon sehen! Und wenn die grüne Heldengarde persönlich Windkrafträder mit ihrem mächtigen Zeigefinger anschiebt.
Die Deutschen jedenfalls sind sich so einig wie schon lange nicht mehr. Seit kurzem klebt auch auf meiner Stirn ein Aufkleber „Atomkraft? Nein Danke“. Ich finde diese Aufkleber ja toll. Ich finde auch, dass die Bundesregierung, anstatt das Personal bei der GEZ aufzustocken, lieber ein Ministerium „für Aufkleber mit griffigen Sprüchen“ einrichten sollte. Es gibt so viele Bereiche wo diese Aufkleber Gutes für die Welt tun können.
Ich habe auch schon konkrete Ideen: „Relevanz des Wirkungsgrades bei der Diskussion um erneuerbare Energien? Nein Danke“ oder auch ein Verkaufsschlager „Sarrazin? Nein Danke“. Unangefochtene Nummer eins im Absatz wäre aber sicher „Integration? Nein Danke“. Man sollte dann beim Ministerium auch eigene Aufkleber bestellen können. Ich für meinen Teil hätte um reich zu werden sehr gerne einen Satz „Zoo? Nein Danke“. Seit dem Tod von Knut krieg ich nachts nämlich kein Auge mehr zu. Auf der anderen Seite hätte ich Angst vor der Gegenoffensive der Zoobefürworter. Auf ihren Nashörnern würden sie geritten kommen und auf jedem Horn prangt ein riesen Sticker. Das letzte was ich lesen würde bevor ich aufgespießt würde wäre „Intoleranz? Nein Danke“.

Ich bin Zoo

Letztens hatte ich wieder Kontakt mit den unteren Schichten Deutschlands. Es stand ein Besuch im örtlichen Zoo an. Ich hatte schon lange keine richtigen, exotischen Tiere mehr gesehen. Ab und an sieht man sie mal in diversen Internetforen, im Fernsehen, wenn man sich mal wieder die Plenarsitzungen anschaut oder bei Taff. Diesmal wollte ich sie aber live und zum Anfassen nahe.
Ich war gerade dabei mir die Wölfe anzuschauen, als neben mir ein kleiner Junge an sein Handy ging. Die Zeiten, in denen es mich überraschte, dass 10-jährige ein solches Gerät besitzen sind vorbei. Mittlerweile schockiert mich nur noch wenn sie mir von ihren neuesten Drogeneskapaden erzählen odervon ihren erotischsten Abenteuern.
Ich kam jedenfalls nicht umhin mitzuhören. Höchstwahrscheinlich war seine Mutter am anderen Ende der Leitung. Zumindest wenn ich „Ey Alte, hab ich doch erzählt Mann. Ich bin Zoo“ richtig übersetzt hatte. Dieser Sprachgebrauch war nichts neues, aber anstatt des üblichen Brechreizes hatte ich inmitten dieser Wildnis plötzlich eine Eingebung. Die Affen zwinkerten mir aufmunternd zu und ich verließ den Zoo mit einem guten Gefühl.
Ich nahm mir vor meine sprachlichen Fähigkeiten auszuweiten. Denn ich bin bemüht möglichst hipp zu sein. Als Nachhilfelehrer musst du einfach mit der Zeit gehen, um auf die jungen Leute eine Wirkung zu haben. Ich wollte also etwas Slang üben und besuchte deswegen meine Freunde. Ich erzählte ihnen nichts von meinen Plänen und als sie mich fragten was ich so getrieben hatte in letzter Zeit antwortete ich stolz: „Ich war Zoo.“
Das folgende Entsetzen lässt sich schwer in Worte fassen. Ich verstand das nicht ganz und erzählte ihnen noch etwas vom Streichelzoo, wo ich voll von einer Zeige aufgebockt wurde. Ich fand mein Missgeschick sehr lustig und rubbelte mir grinsend den Hintern.
Da ich allerdings im Slang noch nicht so drin war hatte ich natürlich Schwierigkeiten mich zu artikulieren. Das Missverständnis ließ sich nicht aufklären und ich wurde vom Hof gejagt. Mein Experiment betrachtete ich als Fehlschlag, und redete fortan wieder normal.
Ich dachte damit sei die Sache erledigt, aber letztens rief mich einer dieser Freunde an und wollte sich unbedingt mit mir Treffen. Ich dachte mir nichts Böses und sagte zu. Ich fand den Armen in seiner Wohnung. Er war völlig aufgelöst. Er hatte in so einem Forum geblättert und dort ein Thema gefunden mit dem Namen „Bist du Zoo?“. Es war eine Umfrage und man konnte ankreuzen: „Nein“ oder „Ja, Tierkörper ziehen mich an“. Man muss natürlich wissen, dass mein Kumpel Furry ist. Er kam also nicht umhin „Ja, Tierkörper ziehen mich an“ anzuklicken. Seitdem glaubt er, dass er Zoo ist. Man muss ihm natürlich Naivität attestieren. Er glaubte nämlich bisher, dass es beim Furry sein um Tierkörper, vorwiegend in anthropomorpher Form, geht. Er war verzweifelt und bat mich um meine Hilfe. Da ich ein guter Freund bin ließ ich mich nicht lumpen und rief die Polizei um ihn verhaften zu lassen.
Ich denke ein solcher Mensch ist potentiell gefährlich für alle Tiere. Schließlich mag er sie und wir alle wissen was „mögen“ heißt. Es bleibt nämlich nicht dabei. Man will die Tiere irgendwann nicht nur mögen. Nein, man möchte sie sogar streicheln oder ihnen Futter geben und wohin DAS nun wieder führt…
Mein Freund ist jetzt in Therapie. Ich habe gehört, dass die Firma „Niki“ gegen ihn sogar eine einstweilige Verfügung erwirkt hat. Er darf sich jetzt Kuscheltieren nicht mehr als 100 Meter nähern.

Samstag, 25. Dezember 2010

Mann im Wintermantel

Es war Weihnachten und die Luft war erfüllt von diversen schönen Düften. Eine Komposition aus Zimt, Apfel, Glühwein und Gerichten unzähliger Essensstände stieg in die Nasen der glücklichen Menschen, die herumwuselten und die Atmosphäre um sich herum in sich aufsogen. Aus dieser Menge stach allein er heraus. Im Zentrum aller weihnachtlichen Vorfreude, all des Glitzerns und des Kinderlachens saß Einer im Wintermantel.
Der frisch gefallene Schnee auf seinen Schultern schmolz nicht ab, obwohl er auf der Bank neben einem der warmen Glühweinstände saß. Die Meute mied seine Umgebung, die Plätze zu seiner Seite waren leer und nass. Die Polizei hatte aufgegeben auf die Anrufe besorgter Mitbürger zu reagieren und hierher zu kommen. Sie hatten aufgegeben zu kontrollieren, ob der Unbekannte, den anscheinend niemand vermisste, tot war oder besoffen oder irgendwas, dass als Grund dienen könnte diesen schwarzen Fleck aus der goldenen Stimmung der Umgebung zu tilgen.
Doch er lebte, war nicht betrunken, kein Penner, war eigentlich ganz normal, war nur ein Mann im Winter, der stur den Blick geradeaus richtete. Wer davon getroffen wurde, den schüttelte es kurz, als wäre ein eisiger Schauer unter die warmen Jacken der Passanten gekrochen, um sie heimzusuchen, um ein Stück ihrer Seele einzufrieren. In diesen Momenten stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht, denn das war es was er konnte: Menschen frieren lassen.
Es war der dreiundzwanzigste Dezember, die Masse war in Hochstimmung, der Konsum florierte, alles war im Fluss. Er brachte viele Menschen zum frösteln, zählte die Schneeflocken, die wie eine weiße Wand die Last seiner Schultern vermehrten und lauschte mit geschlossenen Augen dem Schlag seines Herzens. Immer wenn er sie aufschlug fixierten sie einen dieser Weihnachtsnarren und ließ ihn erstarren. Es verschaffte ihm grimmige Befriedigung, wärmte sein Innerstes für einen Wimpernschlag. Auch er war Konsument.
Augen zu, lauschen, Augen auf, verzehren, Augen zu, lauschen, Augen auf und jemand kam auf ihn zu.
Er hielt inne, wollte niemanden bei sich haben, niemand könnte so viel Kälte ertragen. Was ein mutiger Trottel. Mutig? Wie war das mit Mut und Leichtsinn? Seine Blicke wollten dieses Lächeln ersticken, wollten dieses rosa auf den Wangen in ein Blau verwandeln. Doch er scheiterte und Panik machte sich in ihm breit.
Eine Flucht? Undenkbar. Das war sein ureigenster Platz.
Ihm sagen, dass er verschwinden soll? Er redete wirklich ungern. Also würde es seine Kälte richten müssen.
Sollte dieser Mensch doch erfrieren. Erfrieren tut nicht weh. Wenige Schritte trennten sie noch. Es schien dem Typen ernst zu sein. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und gefror zu kleinen Tropfen. Als sie sich dann gegenüberstanden musterten sie einander. Wie der Fremde dastand, in seiner warmen orangenen Kapuzenjacke, mit den roten Handschuhen, der roten Mütze und seinem unerschütterlichem Lächeln. Er erinnerte ihn an bessere Zeiten…
„Frohe Weihnachten wünsch ich dir“, er strahlte über das ganze Gesicht. Es war schwer sich ihm zu entziehen.
„F…Fr…Frohe Weihnachten,“ sprechen viel ihm schwer, denn es war schon lange her… „K…Ke…Kenne ich sie?“
„Nein, aber das plane ich zu beheben. Kommst du mit mir?“, er lachte glockenhell, dann ergriff er die Hände des Mannes im Wintermantel.
„Ich… Ich weiß nicht ob ich das noch kann,“ er schaute irritiert.
„Natürlich kannst du. Mit meiner Hilfe wird nichts schief gehen“, er zwinkerte mit einem Auge und zog ihn dann mit einem Ruck nach oben. Der Schnee flog von den Schultern, rieselte auf die leeren Bank und schmolz. Es blieb nur Wasser.
„Wer bist du?“ Er rang um Fassung, flüsterte ungläubig. Wann war er zuletzt aufgestanden?
„Na der, den du die ganze Zeit gesucht hast. Warum sonst durchwühlst du die Menge mit deinem einsamen Blick?“ Darauf wusste er nichts zu sagen. Die Antwort hatte er vor ein paar Minuten vergessen und bevor er weiter darüber nachdenken konnte wurde er in die Menge gezogen.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Winternacht

Der Mond ließ das Eis glitzern, auf dem sich ein einsamer Mann Schritt für Schritt fortbewegte. Er kam vom Horizont um zum Horizont weiterzugehen. Kein Hügel, kein Baum versperrten die Sicht. Kein Schild, kein Lebewesen gab einen Anhaltspunkt dafür wie lang die Reise noch andauern würde. Aber was war Zeit auch für ein lächerliches Konstrukt menschlichen Verlangens alles zu domestizieren? Es gab ganz andere Probleme.
Diese Welt war so verdammt flach. Eine weiße unberührte und kalte Ebene.
Er fühlte sich als Pionier, weil sein Weg diese trügerische Perfektion vernichtete. Er war vieles, aber nicht weiß.
Er drehte sich nicht zum ersten Mal auf der Stelle. Hier war nichts. Nichts war früher Perfektion gewesen und sollte eigentlich schwarz sein. Doch Null war auch etwas, also wieso sollte Nichts schwarz sein? Er schüttelte den Kopf. Es war nur am Anfang seiner Reise gewöhnungsbedürftig gewesen, dass alles keinen Sinn machte. Aber mit der Zeit erlangten die Dinge so eine gewisse Leichtigkeit. Ein Seufzen durchbrach die Stille. Damals war alles so bunt gewesen, so lebendig. Da waren Menschen und vor allem eine wunderschöne Frau an seiner Seite. Aber sie konnten alle nicht Schritt halten. Als es Winter wurde waren alle verschwunden.
Die Gedanken daran beschleunigten seine Schritte. Er wollte weiter, hatte Angst vor dem Stillstand dessen Schleier auf der ganzen Gegend lag, wollte nicht festfrieren. Rastlos folgte Fußstapfen um Fußstapfen, er war jetzt in Eile, wollte einfach nur weiter und wurde abrupt von einem Glitzern im Augenwinkel gestoppt. Er wirbelte herum und sah den Farbfleck nicht weit von ihm entfernt.
Farbe…
Etwas stach in der Tiefe seines Herzens. Er sehnte sich so sehr.
Als er näher kam sah er sie. Vor ihm befand sich eine gelbe Rose. Ein Gebilde aus Gold in Mitten dieser tristen Einöde. Sie funkelte und strahlte als wäre sie direkt der Sonne entsprungen. Aber was seine Aufmerksamkeit viel mehr erregte war ihr Gesang. Er kniete sich herab um ihre Stimme besser hören zu können. Sie strahlte eine angenehme Wärme aus. Seine Hände strichen sanft über die Blätter der Pflanze und ihr Lied begann von neuem.
„Bin nichts Halbes,
bin nichts Ganzes.
Mag Rose sein,
doch ohne Dornen.
Möchte blühen,
doch wird sich‘s lohnen?
Werd erfrieren hier im Schnee.
Sag, tut erfrieren weh?“
Die Erinnerung formte einen Eistropfen, der ein Loch in die Schneedecke vor dem Mann im Wintermantel riss. Ein anderes schloss sich dafür und er grub mit großer Sorgfalt die Rose aus. Die Finger die er sich dabei aufschürfte störten ihn nicht weiter. Körperliche Schmerzen hatte er lange hinter sich gelassen.
„Niemand wird hier erfrieren.“ Er platzierte die Blume vorsichtig in der Innentasche nahe seinem Herzen. Sie schmiegte sich an und aus der Ferne hörte man das Eis brechen.
Am Horizont ging die Sonne auf und eine lange Nacht fand ihr Ende.

Freitag, 26. November 2010

Der Passagier

Er war gerade zu Besuch bei jemandem, damit sie in seinen vierundzwanzigsten Geburtstag herein feiern konnten. Er hatte einen schönen Abend verbracht, und der andere war echt süß. Ja, er hatte sich verliebt. Als sie sich kennenlernten war es nur so ein kleines Kribbeln, eine Ahnung, dass da mehr werden könnte. Doch jetzt war er hoffnungslos, bis über beide Ohren verliebt und genoss es in vollen Zügen. Er hätte nicht zu glauben gewagt, dazu jemals wieder in der Lage sein zu können.
Jetzt lagen sie fest aneinander gekuschelt im Bett, und er fragte ihn, ob er ihm ein Lied zum Einschlafen singen dürfe, während er ihn in den Schlaf wiegte. Er mochte solche kleinen Gesten. Er fand sie romantisch.
Er durfte und begann eine ruhige Melodie anzustimmen. „You are my sweetest downfall, I loved you first, I loved you first. Beneath the sheets of paper lies my truth…” Er kam ins Stocken, denn etwas zog plötzlich an ihm. Zog ihn immer tiefer und tiefer, bis alles schwarz wurde.
Als er erwachte war er, wie bereits so oft in der Vergangenheit, wieder in seinem Kinderzimmer. Erneut lag „der Alte“ lässig auf dem Bett und grinste ihn teils hämisch, teils lasziv an. Um die vierzig musste er jetzt wohl sein.
Schon wie er sich auf dem Bett zu positionieren pflegte, die Arme über den Kopf verschränkt, mit seinem feinen Hemd, seiner Jeans und dem Geruch von Rasierwasser, wie seine grau-blauen Glubschaugen ihn förmlich auszogen, seine breit gemachten Beine … Dem 24-jährigen wurde schlecht.
„Was willst du …“ Das war keine Frage, viel eher eine hasserfüllte Drohung, und das Grinsen des Alten wurde breiter. Ein Funkeln war in seinen Augen zu sehen.
„Ich dachte ein bisschen mit deinem Vater zu reden würde dir mal wieder gut tun,“ er machte eine gönnerhafte Geste und setzte sich auf.
„Du bist nicht mein…“, er flüsterte die ersten Worte voll unterdrücktem Zorn, und wurde harsch unterbrochen.
„Ja, ja, ja. Das hatten wir doch jetzt wirklich schon oft genug. Biologisch natürlich nicht, bla, bla. Aber um dich zu erinnern, mein Hase. Der, der du jetzt bist“, er machte eine Pause, die wohl dramatisch wirken sollte. „Das hast du alles mir zu verdanken,“ er gluckste leicht.
Falsch, dachte der Junge und der Hass in seinem Inneren erreichte den Gipfel. Du hast es zu verschulden und eines Tages wirst du dafür bezahlen, du pädophiler Wichser. Sein „Vater“ wollte selbstverständlich, dass er so dachte, aber er konnte einfach nicht anders. Dieser Mensch musste sterben für das, was er ihm und vermutlich vielen anderen Jungen angetan hatte.
Er würde ihn aufspüren. Dann würde er seinen Bauch aufschneiden, diese fette Wampe und ihn dabei zusehen lassen. Dann würde er… Weiter kam er nicht, denn etwas feucht warmes berührte seine Hand und ließ ihn aufschrecken. Er schaute an sich herab und sah einen weißen Wolf, der ihm mit besänftigender Miene zärtlich die Hand ableckte. Er beruhigte sich und streichelte seinem tierischen Gefährten sanft über den Kopf.
Das Lächeln seines „Vaters“ erstarb schlagartig.
„Du hast es also nach all den Jahren, zehn immerhin, endlich geschafft.“ Er applaudierte höhnisch.
„Aber wie du siehst bin ich immer noch hier, obwohl du zurück hast, wonach du dich all die Jahre über sehntest“, er schritt auf den Jungen zu während er sprach und pochte mit dem Finger auf dessen Stirn.
„Und vielleicht bin ja auch noch ein bisschen hier?“, der Finger wanderte zum Herzen. Ein Knurren ließ den Alten innehalten. Er betrachtete den Wolf abschätzig. Mistvieh.
„Wo hast du ihn her? Wer hat dir geholfen?“ Aber der Junge dachte nicht daran es ihm zu sagen.
„Ah, ich mochte deine gespielte Gegenwehr immer sehr, das hat dich überaus niedlich gemacht, weißt du? Fast so sehr wie ihn“, er zeigte auf den Wolf. „Wobei ihr damals natürlich noch Eins wart.“ Er ging das Zimmer auf und ab, blieb dann stehen du fixierte den Jungen.
„Nun gut. Wenn du nicht reden willst, dann halt auf die gute, alte Art.“ Die Augen des Jungen wurden groß, er hauchte ein „nein“ und der Wolf knurrte lauter, war kurz davor anzugreifen. Der Alte scherte sich nicht darum. Er blockte den Sprung des Weißen ab und schleuderte ihn gegen die Wand, wo er bewusstlos liegen blieb. Etwas Blut rann aus dessen Maul. Der Alte quittierte es, wie so vieles, mit einem Grinsen. Sein eigentliches Opfer wirkte auf einmal sehr viel jünger, nicht mehr wie der starke 24-jährige, zu dem er herangewachsen war, sondern klein, schwach und unbedeutend. Er verkroch sich in eine Ecke, aber eine Flucht gab es auch für ihn nicht.
Der Alte krempelte seine Hemdsärmel nach oben, packte ihn am Kragen und rammte seinen anderen Arm in den Kopf des Kindes vor ihm. Sie drang ohne Mühe ein, aber nach all der Zeit war das keine Kunst mehr. Der Kleine streckte hilflos seine Hände nach seinem Freund aus, bevor aller Wille aus seinen Augen wich. Es blieb eine leere Hülle, eine Marionette, mit der man tun konnte was man wollte. Er leckte sich leicht über die Lippen und erinnerte sich an damals. Wie er die süße Qual dieser grün-braunen Augen in sich aufsog, wie er diesen Kopf, mit seinem dichten braunen Haar, in Richtung seines Schrittes zog. Aber er war nicht hier um in Erinnerungen zu schwelgen.
„Interessant“, murmelte sein Peiniger und zog sich, nachdem er zufrieden mit seiner Ausbeute war, zurück. Er ließ den Kleinen fallen, setze sich wieder aufs Bett und wartete. Er überlegte sich ob er diesem Hund, der ab und zu schmerzerfüllt quiekte, den Gnadenstoß versetzen sollte. Aber wozu eigentlich? Das sie wieder Eins würden war so unwahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass sie ihn jemals dran kriegten. Erst dann würde der Kleine richtig gefährlich. Die Zeit heilt alle Wunden? Er klopfte sich auf den Schenkel und lachte. Soviel hatte sein ehemaliges Opfer davon gar nicht. Gut, er hatte es bis hierhin überlebt und hatte einen Teil von sich wieder und er glaubte auch, dass er endlich jemanden hatte, dem er sein Herz anvertrauen konnte. Er hatte es im Kopf des Jungen gesehen. Das Bild eines jungen schwarzen Wolfs. Aber er würde erneut enttäuscht werden, und dieses Mal würde es den Kleinen in die Hölle befördern.
Dieser kam langsam wieder zu sich und schaute ihn an.
„Er ist es nicht. Vergiss ihn. Zu jung, zu kompliziert alles. Er ist es einfach nicht. Tob dich an ihm aus, hab deinen Spaß und dann lass ihn fallen.“ Der Alte blickte aus dem Fenster. Er liebte es zu spielen.
„Das weißt du nicht…“, die Stimme des Jungen klang monoton und leer, als wäre sie weit entfernt.
„Wirklich? Ich denke allerdings, dass ich eine Menge über dich weiß. Ist nur ein gut gemeinter Rat.“ Der Kleine kotzte. Wie erbärmlich.
„Wie dem auch sei. Wie du siehst geht die Sonne gerade auf, mein Süßer. Also bis bald“, er warf einen Kuss durch die Luft, „ und WACH AUF AIDEN .“ Die begann Szene zu verschwimmen. Im letzten Moment griff der Junge nach dem Wolf, bevor alles in einem Nebel aus rot verschwand.
„Aiden, wach doch bitte auf.“ Die Stimme klang flehend, und er wollte sie nicht enttäuschen. Er erwachte. Über sich sah er ein engelsgleiches Gesicht, mit dem schönsten Paar grüner Augen, die er je gesehen hatte. Sie musterten ihn eingehend und spiegelten seine grau-blauen Augen wider.

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